Baseri

Mittwoch, 23. September, Aufbruch Richtung Baseri. In der Schule finden augenblicklich noch Prüfungen statt, d.h. Englischunterricht gibt es nicht und ich kann mir Zeit lassen dorhin zu kommen. Krishna, der mich begleitet, schlägt vor von Ghurka Bazar über sein Heimatdorf Lamagaon nach Baseri zu wandern. Per Taxi fahren wir ganz entspannt, im Vergleich zum öffentlichen Bus, nach Ghorka. Die sechsstündige Fahrt kostet uns 40 Euro. Nach einer Übernachtung brechen wir frühmorgens auf. Krishna macht noch einen Abstecher auf den Markt um seinen Kindern Sandalen mitzubringen. Auf dem Markt trifft er seinen alten Freund Anil, der spontan beschließt sich uns anzuschließen. Unterwegs werden wir auf Schritt und Tritt entweder durch eingestürzte Häuser oder durch die vielen Notunterkünfte, die durch ihr blinkendes, neues Wellblech schon von Weitem zu erkennen sind, an das Erdbeben erinnert.


Nach acht Stunden haben wir Lamagoan erreicht. Krishnas Haus steht zwar und die Risse im Mauerwerk sind sauber mit Lehm verputzt, doch ein von der Regierung beauftragter Ingenieuer, der zur Begutachtung hier war, hat den Bau eines neuen Hauses empfohlen. Unmittelbar nach dem Beben hat die ganze Familie in einer Notunterkunft Unterschlupf gefunden. Derzeit leben immer noch rund fünfzehn Personen dort. Krishnas Frau mit drei Kindern und seine Mutter wohnen inzwischen trotzdem wieder dauerhaft im Haus, denn hier kann sie kochen und hier sind auch die Tiere - Ziegen, Büffelkuh und Hühner - die versorgt werden müssen. Ich bekomme für die nächsten zwei Nächte einen leerstehenden Raum im Obergeschoß zum Schlafen.


Elektrizität gibt es hier nicht und das wird wohl auch die nächste Zeit so bleiben. Die Hausfrau kocht abends, um sechs wird es dunkel, beim spärlichen Licht einer Öllampe und des Herdfeuers und auch beim Abwasch im Hof am Wasserfass gibt es höchstens Licht von einer Taschenlampe. Zum Abspülen wird hier einfach eine Handvoll Stroh nasses Gras benutzt, Spülmittel ist Asche aus dem Küchenherd. Funktioniert wunderbar.(Die Fotos wurden mit Blitz gemacht) Direkt am Haus liegt das Hirsefeld, Gemüse wächst ziemlich wild rund ums Haus, sogar auf dem Dach des Ziegenunterstandes. Die Ziegen werden zum Schutz vor Raubtieren (Schneeleopard) nachts in einem ans Haus angebauten Stall eingesperrt. Die Kinder gehen im nächsten Dorf zur Schule, das heißt, täglich zweimal 40 Minuten Schulweg.


 

Sonntag, 27. September: 

Nach zwei weiteren Tagen, am letzten geht es rund tausend Meter bergauf, sind wir in Baseri. Zuerst steuern wir meine zukünftige Unterkunft an, aber der Raum ist verperrt und der Schlüssel ist mit dem Besitzer, dem stellvertretenden Schulleiter und meinem zukünftigen Hausgenossen, unterwegs. Also komme ich zunächst mal in einer Notunterkunft bei Nanda Kumayi Dhakal unter, direkt neben dem Ziegenunterstand. Zum Glück habe ich auf diese Reise ein Moskitonetz mitgenommen, das ich an einer Ecke des Blechdaches aufhängen kann. So verbringe ich die Nächte wenigstens Stechmückenfrei, wenn auch nicht ganz ohne Krabbeltierchen. Gegen Spinnen, ein stattliches Exemplar begrüßt mich gleich beim Einzug, hilft so ein Netz wenig, schließlich ist es ein Moskitonetz und kein Spinnennetz. 

Traditionell haben die Häuser auf dem Land eine schmale überdachte "Veranda" entlang der Frontseite, auf der sich man sich hauptsächlich aufhält. Hier wird das Essen vorbereitet und dann auch verzehrt, hier finden sich zumeist die  steinernen Mühlen, hier ist auch oft der Schlafplatz. Auf dem ersten Foto sieht man die mit einer Strohmatte versehene Pritsche, auf der ich meine Mahlzeiten einnehme und Manish nachts schläft.   schläft links von der Küchentüre auf einer Strohmatte am Boden. Die Okerfarbe der Häuser stammt von dem Lehm, mit dem sie verputzt sind. Morgens wird der Lehm im Eingangsbereich mit Wasser abgewaschen und dann von Hand glattgestrichen.

Etliche Tage später kann ich dann in ein geräumigeres Zimmer umziehen. Es befindet sich gleich gegenüber von Nanda Kumayis Haus in einem kleinen Häuschen, das aus zwei Räumen besteht. Rechts wohnt seit rund 15 Jahren Rajendra, links kann ich nach einer kleineren Aufräumaktion einziehen. Es ist größer als der vorherige Raum, eine Liege ist mit diversen Sachen belegt und eine dicke Spinne gehört auch hier zum Inventar. Durch die immer offenen Seitenwände ist es nachts angenehm kühl, tagsüber strahlt das Blechdach jedoch ordentlich Wärme ab. Die Tagestemperaturen betragen tagsüber geschätzte 25 bis 30 Grad und nachts etwa zehn Grad weniger.

Nanda Kumayi wird von mir in jetzt mit "Bhaahini" angesprochen, was soviel wie "jüngere Schwester" heißt und sie ruft mich "Baabaa". 


Mein Nachbar Rajendra ist Selbstversorger, er kann im leerstehenden Häuschen gegenüber die Küche benutzen und kocht sich dort morgens und abends seine Mahlzeiten.

Ich esse täglich mit Bhaahini und ihrem Enkel Manish. Manish ist 19, geht hier zur Schule, stammt aber aus einem fünf Stunden entfernten Dorf, dessen 18 Häuser alle zerstört sind. Den Speiseplan für die Dauer meines Aufenthaltes kann ich euch jetzt schon verraten. Vormittags um halb zehn Dhaal Bhaat, abends um sieben Dhaal Bhaat und dazwischen Tee mit Keksen, Brotfladen oder in Öl gebackenen Brotkringeln. Die für das Dhaal Bhaat nötigen Zutaten Reis, Linsen, etwas Gemüse und eine obligatorische Chilischote stammen natürlich alle aus eigenem Anbau.

Der Reis muss zum Schälen in die Mühle gebracht werden. Diese liegt etwa eine Stunde Fußmarsch weiter unten am Berg. Als Bhaahini eines abends zwei Reissäcke für die Mühle vorbereitet, biete ich großzügig an beim Tragen zu helfen. Manish winkt gleich ab und tatsächlich versage ich beim Test dann auch kläglich. Den kleineren Sack, ca. 40 kg, mit dem Kopftrageband einigermaßen sicher auf dem Rücken zu halten ist mir schlicht unmöglich. Am nächsten Morgen trägt Bhaahini den kleineren Sack und Manish den größeren zur Mühle und wieder herauf. Dauer der Aktion: drei Stunden. Ich bin sprachlos!!!